Wir merken meist ziemlich genau, wenn wir uns selbst ein X für ein V vormachen. Warum Selbstehrlichkeit nicht bedeutet, hart mit sich ins Gericht zu gehen – sondern die eigenen Motive, Bedürfnisse und Widersprüche wirklich wahrzunehmen.
Torsten Adamski
·8. Sep. 2026·2
Bild: KI generiert
Mentaler Wohlstand basiert für mich auf vier Säulen: unserem Doppelsystem aus Elefant und Reiter, Selbstehrlichkeit, Selbstwertschätzung und nachhaltigen Beziehungen zu unseren Mitmenschen und unserer Umwelt.
Eine dieser Säulen ist besonders unbequem: die Selbstehrlichkeit.
Denn Selbstehrlichkeit machen wir zunächst nur mit uns selbst aus. Niemand kann wirklich beurteilen, wie ehrlich wir zu uns selbst sind. Andere Menschen können uns spiegeln, irritieren oder auf Widersprüche aufmerksam machen. Ob wir uns selbst gerade ein X für ein V vormachen, wissen am Ende nur wir.
Und meistens wissen wir es erstaunlich genau.
Wir sind ziemlich gut darin, uns selbst zu überzeugen
Wir bleiben in Situationen, von denen wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun. Wir erklären uns Entscheidungen plausibel, obwohl wir eigentlich andere Gründe dafür haben. Wir sagen uns, dass etwas „schon okay“ sei, obwohl unser Elefant längst deutliche Signale sendet.
Das Problem ist nicht, dass wir uns gelegentlich etwas vormachen. Das dürfte ziemlich menschlich sein. Spannend wird es, wenn daraus Gewohnheit wird.
Denn wer dauerhaft die eigenen Bedürfnisse, Zweifel oder Widersprüche übergeht, verliert irgendwann den Zugang zu einer entscheidenden Frage: Was ist mir eigentlich wirklich wichtig?
Selbstehrlichkeit bedeutet deshalb nicht, ständig schonungslos mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Im Gegenteil. Sie bedeutet zunächst einmal, wahrzunehmen, was da ist – auch dann, wenn die Antwort nicht zu dem Bild passt, das wir gerne von uns hätten.
„Selbstehrlichkeit beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst überzeugen zu müssen.“
Der Elefant hat vielleicht einen guten Grund
Hier hilft das Bild unseres Doppelsystems. Der bewusste Reiter kann analysieren, erklären und argumentieren. Unser Elefant reagiert schneller. Er bewertet Situationen emotional und meldet sich manchmal lange bevor wir bewusst verstanden haben, was eigentlich los ist.
Der Reiter kann diese Signale ignorieren. Oder er kann anfangen, mit seinem Elefanten zu arbeiten.
Statt sich zu sagen: „Das ist doch eigentlich alles gut“, könnte die Frage lauten:
„Mein lieber Elefant, wollen wir nicht mal rausfinden, welche Vorteile das V für uns hat?“
Vielleicht gibt es nämlich einen guten Grund, warum wir am V festhalten. Sicherheit. Anerkennung. Bequemlichkeit. Angst vor einer Konsequenz. Loyalität gegenüber anderen. Oder schlicht die Sorge davor, was passieren würde, wenn wir uns eingestehen, dass das X tatsächlich ein X ist.
Selbstehrlichkeit heißt dann nicht automatisch, sofort etwas verändern zu müssen. Sie bedeutet zunächst, den Unterschied überhaupt anzuerkennen.
Warum das auch eine Führungsfrage ist
Für Führungskräfte bekommt Selbstehrlichkeit noch eine zusätzliche Dimension. Wer die eigenen Motive nicht hinterfragt, läuft Gefahr, persönliche Bedürfnisse mit sachlichen Notwendigkeiten zu verwechseln.
Halte ich an einer Entscheidung fest, weil sie weiterhin richtig ist – oder weil es meine Entscheidung war?
Will ich wirklich noch eine Abstimmungsrunde – oder möchte ich mich vor einer unangenehmen Entscheidung drücken?
Stört mich das Verhalten eines Mitarbeitenden tatsächlich – oder trifft es gerade einen persönlichen Punkt bei mir?
Selbstehrlichkeit liefert darauf nicht automatisch die richtige Antwort. Aber sie ermöglicht überhaupt erst, die richtige Frage zu stellen.
Und vielleicht beginnt mentaler Wohlstand genau dort: nicht immer sofort eine Lösung für sich zu haben, sondern sich selbst gut genug zuzuhören, um zu merken, wenn aus einem X gerade ein V wird.
„Bei welchem X lohnt es sich gerade, noch einmal genauer hinzuschauen?“
Über den Autor
Torsten Adamski ist Team-und Organisations-Entwickler bei der Holism GmbH und begleitet Teams und Führungskräfte in Veränderungsprozessen.
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