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Warum 5,1 manchmal völlig ausreicht

Was verändert sich, wenn wir uns selbst und andere nicht nur zwischen gut und schlecht bewerten? Warum der kleine Unterschied zwischen 4,9 und 5,1 für Selbstführung, Feedback und den Umgang mit anderen erstaunlich viel ausmachen kann.

Torsten Adamski
Torsten Adamski
·17. Sep. 2026 ·3
Warum 5,1 manchmal völlig ausreicht
Bild: KI generiert

Ob Ehrlichkeit oder Wertschätzung: Wie wir mit uns selbst umgehen, spiegelt sich oftmals auch im Umgang mit unseren Mitmenschen. Wer sich selbst vor allem in gut oder schlecht, richtig oder falsch bewertet, wird diese Maßstäbe schnell auch an andere anlegen.

Dabei passt Schwarz-Weiß erstaunlich selten zu unserem Leben.

Wir sind so gut wie nie bei 0. Und vermutlich auch deutlich seltener bei 10, als wir es uns wünschen würden. Trotzdem tun wir häufig so, als gäbe es nur diese beiden Enden: zufrieden oder unzufrieden. Erfolgreich oder gescheitert. Gut gemacht oder schlecht gemacht.

Vielleicht hilft es, aus diesem Schalter einen Regler zu machen.

Aus dem Schalter wird ein Regler

Stellen wir uns unsere Bewertung nicht als An-Aus-Schalter vor, sondern als Skala von 0 bis 10. Plötzlich entsteht zwischen den Extremen ziemlich viel Raum.

Eine Situation muss dann nicht mehr gut oder schlecht sein. Vielleicht liegt sie bei einer 6. Ein Gespräch war nicht entweder erfolgreich oder erfolglos, sondern vielleicht eine 7. Und mit dem eigenen Umgang mit uns selbst sind wir heute möglicherweise bei einer 5,1.

Die Idee solcher Skalierungsfragen ist auch im lösungsfokussierten Arbeiten verbreitet. Dort wird beispielsweise gefragt, wo ein Team auf einer Skala von 0 bis 10 gerade steht – und woran man einen kleinen Schritt nach vorne erkennen würde. Interessant ist also weniger die Zahl selbst als das, was sie sichtbar macht: Was funktioniert bereits? Und was wäre der nächste machbare Schritt?

Das klingt zunächst nach einem ziemlich kleinen Unterschied.

Für unseren Elefanten kann er ziemlich groß sein.

„Manchmal liegen zwischen Kraft geben und Kraft kosten gerade einmal 0,2 Punkte.“

Warum 5,1 etwas anderes ist als 4,9

Unser Elefant ist der schnelle, emotionale Teil unseres Doppelsystems. Er reagiert auf Situationen, lange bevor unser bewusster Reiter alles analysiert, eingeordnet und mit einer vernünftigen Erklärung versehen hat.

Und für diesen Elefanten macht es einen gehörigen Unterschied, ob etwas gerade ein kleines bisschen Kraft gibt oder ein kleines bisschen Kraft kostet.

Bei 5,1 sind wir vielleicht noch lange nicht zufrieden. Aber die Richtung stimmt. Die Situation gibt uns ein klein wenig Energie.

Bei 4,9 sieht es fast genauso aus. Und trotzdem sind wir auf der anderen Seite der Mitte. Die Situation kostet uns ein klein wenig Kraft.

Spannend ist dabei: Gefühle sind nicht einfach der irrationale Gegenspieler guter Entscheidungen. Eine Studie von Myeong-Gu Seo und Lisa Feldman Barrett zeigt, dass die Fähigkeit, eigene Gefühle differenziert wahrzunehmen und zu unterscheiden, mit besserer Entscheidungsleistung zusammenhängen kann. Vielleicht liegt genau darin der Wert der 4,9 und der 5,1: Wir geben unserem Empfinden eine feinere Sprache als nur „gut“ oder „schlecht“.

Genau dann hilft es häufig wenig, wenn unser Reiter sofort mit der nächsten Optimierungsidee um die Ecke kommt.

„Komm, das geht doch noch besser.“

Vielleicht braucht unser Elefant in diesem Moment gar keine Optimierung. Vielleicht wäre die interessantere Frage zunächst: Was würde aus der 4,9 eine 5,1 machen?

Nicht: Wie kommen wir möglichst schnell auf 10?

Sondern: Was braucht es für diese 0,2?

Warum Skalieren auch Führung verändert

Für Führungskräfte wird dieser Gedanke besonders spannend. Denn auch bei anderen Menschen greifen wir gerne zum Schalter.

Eine Mitarbeiterin ist motiviert oder unmotiviert. Ein Gespräch lief gut oder schlecht. Ein Projekt funktioniert oder funktioniert nicht. Jemand hat überzeugt oder eben nicht.

Solche Urteile sind schnell gefällt. Sie helfen uns aber selten dabei zu verstehen, was tatsächlich los ist.

Aus einem Schalter einen Regler zu machen, verändert die Fragen.

Wie zufrieden bist du gerade mit der Situation – von 0 bis 10?

Was sorgt dafür, dass es schon eine 5 und keine 3 ist?

Und was müsste passieren, damit daraus eine 5,5 wird?

Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes. Wir sprechen nicht mehr nur darüber, was falsch ist. Wir erkennen auch, was bereits funktioniert und wo eine realistische Veränderung beginnen könnte.

Das gilt für Feedback genauso wie für Konflikte, Veränderungsprozesse oder die eigene Selbstführung.

Die Skala schafft Raum für das Dazwischen. Und dieses Dazwischen ist wichtig, weil wir dort beeinflussen können, welche Bedeutung wir einer Situation geben und was wir als Nächstes daraus machen.

Es muss nicht immer die 10 sein

Vielleicht liegt darin auch eine kleine Entlastung. Entwicklung muss nicht immer bedeuten, möglichst schnell von 4 auf 10 zu kommen.

Manchmal ist der intelligente nächste Schritt viel kleiner.

Von 4,9 auf 5,1. Von etwas, das Kraft kostet, zu etwas, das zumindest ein kleines bisschen Kraft gibt.

Und wenn wir lernen, diese Unterschiede bei uns selbst wahrzunehmen, fällt es uns möglicherweise auch leichter, sie bei anderen zu sehen.

„Mal ganz spontan, auf einer Skala von 0 bis 10: Wie zufrieden sind wir gerade mit dem Umgang mit uns selbst?“

Über den Autor

Torsten Adamski ist Team- und Organisations-Entwickler bei der Holism GmbH und begleitet Teams und Führungskräfte in Veränderungsprozessen.

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