Humor löst keine Konflikte. Aber er kann den Raum schaffen, in dem wir wieder miteinander sprechen können. Warum Selbstironie hilft, festgefahrene Situationen zu lösen und uns selbst dabei nicht allzu ernst zu nehmen.
Torsten Adamski
·25. Sep. 2026·3
Bild: KI generiert
Wie können wir ernste Themen meistern?
Vielleicht, indem wir uns selbst dabei nicht immer ganz so ernst nehmen.
Humor ist für unser Doppelsystem eine ziemlich elegante Möglichkeit, schwierige Themen in heiklen Momenten anzusprechen. Gerade dann, wenn die Stimmung angespannt ist, Positionen feststehen und unser Elefant längst beschlossen hat, dass jetzt bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt für sachliche Argumente ist.
Wir kennen solche Situationen vermutlich alle.
Ein Gespräch dreht sich im Kreis. Zwei Menschen verteidigen ihre Position. Jeder hat gute Gründe. Und während die Reiter noch versuchen, möglichst vernünftig zu argumentieren, haben die Elefanten längst etwas anderes vor:
TÖRÖÖ.
Wenn die Elefanten aufeinander losgehen
Unser Elefant reagiert schnell, emotional und ziemlich zuverlässig auf alles, was sich nach Angriff, Kritik oder Bedrohung anfühlt.
Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Unser unbewusstes System hilft uns, Situationen schnell einzuschätzen. Schwierig wird es nur, wenn zwei Elefanten gleichzeitig beschließen, dass jetzt Verteidigung angesagt ist.
Dann helfen zusätzliche Argumente häufig erstaunlich wenig.
Wir erklären noch genauer. Werden noch sachlicher. Liefern noch ein Beispiel. Und wundern uns, warum das Gegenüber trotzdem nicht einsieht, dass wir doch offensichtlich recht haben.
Vielleicht liegt es daran, dass wir längst nicht mehr auf der Sachebene miteinander diskutieren.
„Wenn zwei Elefanten zum gegenseitigen TÖRÖÖ blasen, braucht es manchmal weniger Argumente und mehr Spielraum.“
Und genau hier kann Humor etwas verändern.
Selbstironie nimmt den Angriff aus dem Raum
Besonders interessant finde ich dabei Selbstironie.
Denn mit einer selbstironischen Bemerkung mache ich etwas anderes, als über mein Gegenüber zu lachen. Ich richte den Humor zunächst auf mich selbst.
Vielleicht merke ich mitten in einer Diskussion, dass ich gerade zum dritten Mal dasselbe Argument erkläre.
Dann könnte ich natürlich ein viertes Mal ansetzen.
Oder ich sage:
„Ich glaube, mein innerer Erklärbär hat heute mal wieder zu tief ins Honigglas geguckt.“
Das Problem ist damit nicht gelöst. Das schwierige Thema verschwindet auch nicht.
Aber möglicherweise verändert sich für einen Moment die Situation.
Ich signalisiere: Ich kann mich selbst beobachten. Ich muss meine Position nicht um jeden Preis verteidigen. Und ich lade mein Gegenüber dazu ein, ebenfalls einen kleinen Schritt aus der Situation herauszutreten.
Humor schafft damit etwas ziemlich Wertvolles: Distanz, ohne das Thema kleinzureden.
Der Reiter darf ein bisschen auf den Elefanten aufpassen
Hier kommt wieder unser bewusster Reiter ins Spiel.
Er kann verhindern, dass wir jede spontane Reaktion unseres Elefanten sofort in die Welt tragen. Und vielleicht können wir ihm sogar ein explizites Mandat geben:
„Sorge dafür, dass wir uns selbst nicht allzu ernst nehmen.“
Das klingt zunächst banal. Ist es aber gar nicht.
Denn gerade in schwierigen Situationen neigen wir dazu, uns mit unserer Position zu verbinden und uns geradezu einzugraben. Aus „Ich habe eine andere Meinung“ wird schnell „Du verstehst mich nicht“. Aus einer Rückfrage wird Kritik. Aus einem Einwand wird ein Angriff.
Selbstironie kann diese Verbindung kurz lockern.
Nicht alles, was wir denken, ist automatisch richtig. Nicht jede Reaktion unseres Elefanten braucht eine Verteidigungsrede. Und nicht jede unserer Eigenarten müssen wir behandeln, als wären sie unveränderlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit.
Manchmal dürfen wir sie einfach auf die Schippe nehmen.
Selbstironie lässt sich vorbereiten
Das Schöne daran: Wir müssen nicht darauf warten, dass uns im entscheidenden Moment spontan der perfekte Satz einfällt.
Selbstironie lässt sich vorbereiten.
Welche Eigenschaft von mir kenne ich selbst ziemlich gut?
Vielleicht neige ich dazu, Dinge sehr ausführlich zu erklären.
Vielleicht werde ich ungeduldig.
Vielleicht möchte ich immer sofort eine Lösung finden.
Vielleicht brauche ich besonders viel Struktur.
Oder ich habe die charmante Angewohnheit, fünf Minuten vor Ende eines Meetings noch ein neues Thema aufzumachen.
All das können Eigenschaften sein, die uns in bestimmten Situationen sogar helfen.
Und gleichzeitig dürfen wir darüber lachen.
Wer seine eigenen Muster kennt, kann sie benennen, bevor andere es tun müssen.
Das ist keine Selbstabwertung. Im Gegenteil: Gute Selbstironie braucht vermutlich ein gewisses Maß an Selbstwertschätzung. Ich kann über eine Eigenart von mir lachen, ohne mich deshalb selbst abzuwerten.
Warum das auch eine Führungsfrage ist
Für Führungskräfte bekommt dieser Gedanke noch eine zusätzliche Bedeutung.
Denn hierarchische Situationen bringen ohnehin Spannung mit. Wenn eine Führungskraft einen Fehler eingesteht, eine eigene Marotte benennt oder über sich selbst lachen kann, verändert das möglicherweise den Raum für alle anderen.
Es signalisiert:
Hier muss niemand perfekt sein.
Hier dürfen wir einen Schritt zurücktreten.
Hier können wir über schwierige Dinge sprechen, ohne dass sofort jemand sein Gesicht verliert.
Damit berührt Selbstironie auch einen größeren Gedanken: psychologische Sicherheit in Teams entsteht dort, wo Menschen erleben, dass sie Fragen, Bedenken oder Unsicherheit äußern können, ohne sich damit selbst zu gefährden.
Das heißt natürlich nicht, Konflikte wegzulachen. Humor ersetzt weder Klarheit noch eine notwendige Entscheidung. Und Selbstironie darf auch nicht dazu dienen, unangenehme Themen permanent zu überspielen.
Sie kann aber dabei helfen, den Raum zu schaffen, in dem Klarheit überhaupt wieder möglich wird.
Vielleicht ist das ihre eigentliche Stärke.
„Humor macht ein ernstes Thema nicht weniger ernst. Aber oftmals macht er uns wieder beweglich genug, darüber zu sprechen.“
Und vielleicht können wir unseren Reiter deshalb gelegentlich mit einer ziemlich einfachen Aufgabe losschicken:
Welche Eigenschaft von mir könnte ich beim nächsten TÖRÖÖ einfach mal selbst auf die Schippe nehmen?
Über den Autor
Torsten Adamski ist Team- und Organisations-Entwickler bei der Holism GmbH und begleitet Teams und Führungskräfte in Veränderungsprozessen.
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