Freitag, 25. September 2026
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Wenn Selbstmotivation eigentlich nur Durchhalten ist

Sich auch in schwierigen Phasen motivieren zu können, klingt nach einer Stärke. Doch was, wenn wir nur gelernt haben, gut zu funktionieren? Warum Selbstführung damit beginnt, die eigenen Muster ehrlich zu prüfen.

Torsten Adamski
Torsten Adamski
·25. Sep. 2026 ·4
Wenn Selbstmotivation eigentlich nur Durchhalten ist
Bild: KI generiert

Es gibt Sätze, die klingen zunächst einmal ausschließlich positiv.

„Ich kann mich auch in schwierigen Phasen immer wieder gut motivieren.“

Klingt nach einer Stärke. Nach Resilienz, Selbstführung und der Fähigkeit, sich auch dann wieder aufzurappeln, wenn es gerade nicht besonders gut läuft.

Und vielleicht ist es genau das.

Vielleicht haben wir gelernt, bewusst positive Gedanken und Impulse zu setzen. Vielleicht wissen wir ziemlich genau, was uns guttut. Vielleicht gelingt es uns, schwierige Situationen einzuordnen, ohne uns von ihnen vollständig vereinnahmen zu lassen.

Vielleicht haben wir aber auch einfach gelernt, ziemlich gut zu funktionieren.

Und das ist nicht unbedingt dasselbe.

Unser Elefant lässt sich nicht unbegrenzt motivieren

Wenn wir unser Doppelsystem aus Elefant und Reiter betrachten, wird dieser Unterschied interessant.

Unser bewusster Reiter kann sich eine ganze Menge erzählen.

„Komm, weiter.“

„Das schaffen wir auch noch.“

„Andere haben es schließlich auch nicht leichter.“

„Nur noch diese Woche.“

Der Reiter kann Ziele setzen, Pläne machen und ziemlich überzeugende Argumente dafür finden, warum wir jetzt besser nicht nachlassen sollten.

Unser Elefant interessiert sich für diese Argumente allerdings nur begrenzt.

Er reagiert darauf, wie wir eine Situation tatsächlich erleben. Gibt sie uns Energie? Fühlen wir uns sicher? Erleben wir Sinn, Anerkennung oder Freude? Oder kostet uns das, was wir gerade tun, dauerhaft Kraft?

Das bedeutet nicht, dass wir immer aufhören sollten, sobald etwas anstrengend wird. Herausforderungen dürfen Kraft kosten. Entwicklung darf unbequem sein.

Die spannendere Frage ist eine andere:

„Motiviere ich mich gerade – oder überrede ich mich nur noch zum Weitermachen?“

Stärke und Ignorieren sehen von außen manchmal erstaunlich ähnlich aus

Genau hier entsteht eine Verwechslung, die wir leicht übersehen.

Zwei Menschen können sich in einer schwierigen Situation nahezu identisch verhalten.

Beide stehen morgens auf. Beide erledigen ihre Aufgaben. Beide erreichen ihre Ziele. Beide sagen vielleicht sogar: „Alles gut, kriege ich hin.“

Und trotzdem kann innerlich etwas vollkommen Unterschiedliches passieren.

Der eine erlebt die Herausforderung als anstrengend, aber sinnvoll. Sie kostet Energie und gibt gleichzeitig etwas zurück.

Der andere hat schlicht gelernt, Frustration, Erschöpfung oder Zweifel ziemlich erfolgreich zu ignorieren.

Von außen sieht beides nach Durchhaltevermögen aus.

Von innen fühlt es sich vermutlich völlig anders an.

Deshalb reicht es nicht immer, nur auf unser Verhalten zu schauen. Wir müssen uns gelegentlich fragen, welche Wirkung dieses Verhalten auf uns hat.

Was macht unser Muster eigentlich mit uns?

Wir alle entwickeln Strategien, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Das ist sinnvoll. Unser Gehirn liebt Muster, weil wir dadurch nicht jede Situation komplett neu bewerten müssen.

Interessant wird es dann, wenn aus einer hilfreichen Strategie eine Gewohnheit geworden ist, die wir nicht mehr überprüfen.

Vielleicht hat uns das berühmte „Zähne zusammenbeißen“ früher einmal durch eine schwierige Phase gebracht.

Vielleicht war es notwendig, für eine bestimmte Zeit besonders viel zu leisten.

Vielleicht haben wir gelernt, dass wir uns auf uns selbst verlassen können, wenn es schwierig wird.

Alles gut.

Aber gilt das auch heute noch?

Ein Muster muss nicht schlecht sein, damit wir es verändern dürfen. Es reicht, wenn es uns nicht mehr so gut dient wie früher.

Dabei können ein paar ziemlich einfache Fragen helfen:

Wie gut funktioniert mein aktuelles Muster eigentlich noch?

Gibt es mir Kraft – oder kostet es mich dauerhaft welche?

Motiviere ich mich – oder ignoriere ich gerade etwas?

Und würde ich mich heute noch einmal bewusst für dieses Muster entscheiden?

Die Antworten müssen nicht sofort zu einer Veränderung führen.

Aber sie schaffen Klarheit.

Vielleicht brauchen wir wieder einen Regler

Auch hier hilft mir der Gedanke, den wir schon beim Umgang mit uns selbst hatten: Aus einem Schalter einen Regler machen.

Selbstmotivation ist nicht entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Auch die Motivationsforschung unterscheidet verschiedene Formen von Motivation – unter anderem danach, wie selbstbestimmt oder fremdbestimmt unser Handeln ist.

Wir müssen also nicht entscheiden:

Bin ich stark oder schwach?

Motiviert oder unmotiviert?

Belastbar oder nicht belastbar?

Vielleicht fragen wir stattdessen:

„Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie viel Kraft gibt mir das, was ich gerade tue?“

Dann kann eine 7 vollkommen in Ordnung sein.
Vielleicht sogar eine 5,1.
Und eine 4,9 ist kein Beweis dafür, dass wir versagt haben.
Sie ist zunächst einmal eine Information.

Unser Elefant meldet sich.

Und statt ihn sofort wieder mit einem Motivationsspruch ruhigzustellen, könnten wir kurz zuhören.

Warum das auch eine Führungsfrage ist

Besonders relevant wird diese Unterscheidung dort, wo wir nicht nur uns selbst, sondern andere Menschen motivieren möchten.

Denn Führungskräfte können erstaunlich viel Energie darauf verwenden, Menschen wieder in Bewegung zu bringen.

Noch ein motivierendes Gespräch.
Noch einmal das Ziel erklären.
Noch einmal an den Teamgeist appellieren.
Noch ein „Wir schaffen das“.

Das kann genau richtig sein.

Es kann aber auch passieren, dass wir Motivation behandeln wie Benzin: Wenn der Motor stockt, schütten wir einfach noch etwas davon nach.

Vielleicht ist das Problem aber gar nicht fehlende Motivation.

Vielleicht ist jemand erschöpft. Vielleicht fehlt Klarheit. Vielleicht erscheint ein Ziel nicht sinnvoll. Vielleicht verhindert eine Struktur gutes Arbeiten. Oder jemand hat schlicht zu lange ein Muster aufrechterhalten, das mehr Kraft kostet, als es zurückgibt.

Dann braucht es nicht unbedingt mehr Motivation.

Dann braucht es möglicherweise eine andere Frage.

„Was müsste sich verändern, damit du dich nicht ständig neu motivieren musst?“

Das ist für uns ein wichtiger Unterschied.

Gute Führung muss Menschen nicht permanent dazu bringen, gegen ihre eigenen Signale anzukämpfen. Sie kann dabei helfen herauszufinden, was diese Signale eigentlich sagen wollen.

Gewohnheiten dürfen ein Update bekommen

Vielleicht besteht eine unserer größten Stärken deshalb gar nicht darin, besonders lange durchhalten zu können.

Sondern darin, zu erkennen, wann eine Strategie, die uns einmal geholfen hat, ein Update braucht.

Wir dürfen alte Gewohnheiten ablegen.
Wir dürfen sie verändern.
Deshalb können wir es sogar als Erfolg verbuchen, wenn wir feststellen, dass etwas früher funktioniert hat und heute nicht mehr passt.
Und wir dürfen dabei sogar über uns selbst lachen.

Über unseren Reiter, der schon wieder einen perfekten Plan entwickelt hat.
Über unseren Elefanten, der davon herzlich unbeeindruckt bleibt.
Und über die erstaunliche Fähigkeit, uns selbst manchmal ziemlich lange davon zu überzeugen, dass wir einfach nur noch ein bisschen mehr Motivation brauchen.

Vielleicht beginnt gute Selbstführung genau dort: ernst zu nehmen, was uns guttut, ohne uns selbst dabei allzu ernst zu nehmen.

„Nicht alles, was uns weitermachen lässt, gibt uns auch Kraft.“

Und vielleicht lohnt sich deshalb gelegentlich eine ziemlich einfache Frage:

Motiviert mich mein Muster noch – oder bin ich einfach nur sehr gut darin geworden, es durchzuhalten?

Über den Autor

Torsten Adamski ist Team-und Organisations-Entwickler bei der Holism GmbH und begleitet Teams und Führungskräfte in Veränderungsprozessen.

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