Arbeitsweisen
Prozesse zwischen Wert und Sicherheit
Wiederkehrende Aufgaben sollten einen beschreibbaren Beitrag leisten. Woran man erkennt, ob das noch der Fall ist.
Arbeitsweisen
Wiederkehrende Aufgaben sollten einen beschreibbaren Beitrag leisten. Woran man erkennt, ob das noch der Fall ist.

Wann haben Sie zuletzt eine wiederkehrende Aufgabe in Ihrem Arbeitsalltag hinterfragt?
Wissen Sie noch, warum das wöchentliche Meeting eingeführt wurde? Warum jeden Monat dieselben Zahlen aufbereitet werden? Oder weshalb vor einer Entscheidung mehrere Freigaben eingeholt werden müssen?
In fast jedem Unternehmen gibt es Aufgaben, deren Sinn kaum noch jemand hinterfragt. Regeltermine stehen im Kalender. Statusberichte werden verschickt. Präsentationen werden aktualisiert. Freigaben werden eingeholt. Viele dieser Routinen wurden irgendwann einmal vereinbart oder von früheren Kollegen übernommen. Mit der Zeit gehören sie einfach zur Arbeitsweise der Organisation.
Das bedeutet nicht, dass diese Aufgaben grundsätzlich unnötig sind. Ein Meeting kann eine wichtige Entscheidung ermöglichen. Ein Bericht kann relevante Informationen liefern. Eine Freigabe kann ein tatsächliches Risiko reduzieren.
Problematisch wird es dort, wo niemand mehr erklären kann, was durch diese Arbeit konkret besser wird.
Vielleicht kennen Sie die Situation aus einem Projekt: Vor jeder Eskalation wird eine ausführliche Präsentation erstellt. Nicht nur eine kurze Zusammenfassung für das Management, sondern eine umfangreiche Unterlage mit Hintergründen, Analysen, Zahlen und möglichen Antworten auf jede denkbare Rückfrage.
Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. Niemand möchte unvorbereitet in ein Gespräch gehen. Niemand möchte eine Frage nicht beantworten können oder den Eindruck vermitteln, ein Thema nicht vollständig verstanden zu haben. Unsicherheit ist real. Risiken sind real. Verantwortung kann unangenehm sein.
Die Präsentation bleibt jedoch selten eine einzelne Aufgabe. Zahlen müssen aus mehreren Bereichen eingeholt werden. Inhalte werden abgestimmt. Folien werden mehrfach überarbeitet. Rückfragen entstehen. Vor der finalen Version findet eine weitere Abstimmungsrunde statt.
Aus dem Wunsch nach Sicherheit entsteht so eine ganze Kette zusätzlicher Arbeit.
Genau dadurch werden Projekte und Prozesse häufig langsam. Nicht unbedingt, weil die eigentliche Aufgabe besonders komplex ist, sondern weil rund um sie immer mehr Vorbereitung, Dokumentation, Abstimmung und Absicherung entsteht.
Eine kleine technische Änderung dauert dann nicht wegen ihrer Umsetzung mehrere Wochen. Sie dauert so lange, weil sie zunächst eingeordnet, beschrieben, priorisiert, abgestimmt und freigegeben werden muss. Eine Entscheidung bleibt nicht offen, weil Informationen fehlen. Sie bleibt offen, weil nicht geklärt ist, wer sie treffen darf und wer später dafür verantwortlich ist.
Die Organisation ist beschäftigt. Trotzdem bewegt sich die Sache kaum.
Das bedeutet nicht, dass Präsentationen, Freigaben oder Abstimmungen grundsätzlich unnötig sind. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welchen konkreten Beitrag sie leisten. Ermöglicht die Präsentation eine Entscheidung? Reduziert die Freigabe ein relevantes Risiko? Klärt das Meeting eine Abhängigkeit? Oder erzeugt die zusätzliche Arbeit vor allem das Gefühl, ausreichend vorbereitet und abgesichert zu sein?
Wiederkehrende organisatorische Arbeit sollte einen nachvollziehbaren Beitrag leisten. Sie sollte beispielsweise:
Dieser Beitrag muss nicht immer unmittelbar messbar sein. Er sollte aber beschreibbar sein.
Schwierig wird es bei Antworten wie: „Damit alle abgeholt sind.“ „Damit das Management informiert ist.“ „Damit wir auf der sicheren Seite sind.“ „Damit später niemand sagen kann, er habe nichts davon gewusst.“
Diese Aussagen können berechtigt sein. Sie erklären aber noch nicht, welchen Wert die Aufgabe erzeugt. Welche Entscheidung folgt aus der Information? Welches konkrete Risiko wird reduziert? Was kann anschließend schneller oder besser geschehen? Bleiben diese Fragen offen, dient die Aufgabe möglicherweise weniger dem Ergebnis als der Absicherung.
Es wäre zu einfach, Sicherheit grundsätzlich als unnötig zu betrachten. Organisationen brauchen Sicherheit. Menschen müssen wissen, woran sie sind. Führungskräfte müssen Risiken einschätzen können. Entscheidungen brauchen eine belastbare Grundlage. Gerade in regulierten oder sicherheitskritischen Bereichen sind Kontrollen unverzichtbar.
Nur sollte Sicherheit nicht allein dadurch entstehen, dass immer mehr Arbeit hinzugefügt wird. Eine zusätzliche Freigabe klärt keine unklare Verantwortung. Ein weiterer Bericht ersetzt keine fehlende Steuerung. Ein zusätzliches Meeting löst keinen ungeklärten Konflikt. Eine neue Vorlage schafft noch kein gemeinsames Verständnis von Qualität.
Solche Maßnahmen können den Eindruck vermitteln, dass etwas geregelt wurde. Die zugrunde liegende Frage bleibt jedoch bestehen.
„Reduziert diese Aufgabe tatsächlich ein relevantes Risiko oder reduziert sie vor allem unser Unbehagen?“
Beides kann sich ähnlich anfühlen. Organisatorisch ist es ein großer Unterschied.
Wiederkehrende Aufgaben haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind sichtbar. Die Präsentation wurde erstellt. Der Bericht wurde verschickt. Das Meeting hat stattgefunden. Die Freigabe liegt vor. Damit lässt sich Aktivität nachweisen.
Die Klärung dahinter ist schwieriger. Wer entscheidet künftig? Welches Risiko akzeptieren wir bewusst? Welche Informationen brauchen wir wirklich? Welchen Konflikt müssen zwei Bereiche miteinander lösen? Welche Verantwortung darf nicht länger verteilt werden?
Solche Fragen verlangen Entscheidungen und manchmal auch klare Grenzen. Deshalb reagieren Organisationen auf Unklarheit häufig mit zusätzlicher Arbeit.
„Arbeit ist greifbar. Klärung ist anspruchsvoll.“
Es geht nicht darum, jede Routine sofort abzuschaffen. Es geht darum, ihren Zweck wieder sichtbar zu machen.
1. Was verändert diese Aufgabe? Welche Entscheidung, welches Ergebnis oder welche weitere Arbeit wird dadurch möglich?
2. Wer braucht das Ergebnis wirklich? Wer verwendet die Präsentation, den Bericht oder die Dokumentation konkret und wofür?
3. Welches Risiko wird reduziert? Ist dieses Risiko real und relevant? Steht der Aufwand in einem angemessenen Verhältnis dazu?
4. Was passiert, wenn die Aufgabe einmal nicht erledigt wird? Entsteht ein echter Schaden oder vor allem ein ungutes Gefühl?
5. Welche ungeklärte Frage steckt dahinter? Fehlt Verantwortung, Vertrauen, ein gemeinsamer Qualitätsmaßstab, eine Entscheidung oder eine klare Zuständigkeit?
Gerade die letzte Frage ist entscheidend. Eine Routine sollte nicht vorschnell gestrichen werden, solange niemand verstanden hat, warum sie entstanden ist. Sonst verschwindet zwar das Meeting, die Unsicherheit bleibt jedoch bestehen. Wenige Wochen später taucht sie an anderer Stelle wieder auf.
Organisationen müssen nicht jede Präsentation, jeden Bericht und jedes Meeting abschaffen. Sie sollten aber regelmäßig prüfen, ob diese Arbeit noch ihren ursprünglichen Zweck erfüllt.
Manche Aufgaben werden weiterhin gebraucht. Manche können vereinfacht werden. Manche brauchen einen klareren Empfänger oder ein konkreteres Ergebnis. Und manche existieren nur noch, weil bisher niemand die zugrunde liegende Frage geklärt hat.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht zuerst: Wie können wir diesen Prozess effizienter machen? Sondern: Warum machen wir das eigentlich so?
Denn auch ein effizient erstellter Bericht bleibt unnötig, wenn niemand etwas mit ihm tut. Auch ein gut moderiertes Meeting bleibt wirkungslos, wenn dort nichts geklärt oder entschieden wird. Und auch eine digitalisierte Freigabe bleibt zusätzliche Arbeit, wenn das eigentliche Problem fehlendes Vertrauen oder unklare Verantwortung ist.
„Unsicherheit ist ein Anlass zur Klärung. Sie ist nicht automatisch ein Grund für eine dauerhafte Routine.“
Manchmal ist die wertvollste Verbesserung deshalb kein neues Meeting, kein weiterer Bericht und kein neuer Prozess. Sondern eine Frage, die endlich geklärt wird.
Dominik Schwiering ist Geschäftsführer der Holism GmbH in Dortmund. Er begleitet Unternehmen an der Schnittstelle von Organisation, Umsetzung und Veränderung.
Abonniere Atlas+ für alle Premium-Artikel – oder hol dir kostenlos den Newsletter mit exklusiven Formaten.