Führung
Wenn Hoffnung wie Logik klingt
Der Spielertrugschluss zeigt, wie schnell Menschen Zufall mit Logik verwechseln und warum das Organisationen teuer zu stehen kommt.
Führung
Der Spielertrugschluss zeigt, wie schnell Menschen Zufall mit Logik verwechseln und warum das Organisationen teuer zu stehen kommt.

Manchmal klingt Hoffnung erstaunlich vernünftig. Nach drei gescheiterten Versuchen sagt jemand: Jetzt muss es doch mal klappen. Nach einer schlechten Phase heißt es: Irgendwann dreht sich das wieder. Und nach Jahren mit Erfolg entsteht schnell der Satz: Das hat bisher funktioniert, also wird es auch weiter funktionieren.
Auf den ersten Blick wirkt das menschlich. Vielleicht sogar pragmatisch. Niemand möchte nach jedem Rückschlag alles infrage stellen. Niemand möchte nach jedem Erfolg sofort nervös werden. Organisationen brauchen Stabilität, Vertrauen und ein gewisses Maß an Zuversicht.
Gefährlich wird es nur, wenn Zuversicht mit Logik verwechselt wird.
Genau dort beginnt der Spielertrugschluss. Er beschreibt die Annahme, dass vergangene Ereignisse automatisch Einfluss auf zukünftige Ereignisse haben, obwohl dieser Zusammenhang gar nicht besteht. Beim Roulette ist das leicht zu erklären. Nur weil fünfmal Rot kam, ist Schwarz beim nächsten Wurf nicht wahrscheinlicher. Die Kugel erinnert sich nicht.
In Organisationen ist es schwieriger. Dort sieht der Trugschluss nicht nach Casino aus. Er trägt Anzug, sitzt im Meeting und klingt nach Erfahrung.
Unser Gehirn mag Zusammenhänge. Es sucht Linien, Entwicklungen und Wiederholungen. Das hilft im Alltag, weil wir nicht jede Situation komplett neu bewerten müssen. Es wird aber zum Problem, wenn wir aus wenigen Ereignissen eine Regel machen.
Eine schlechte Vertriebsphase wird dann nicht mehr nüchtern betrachtet, sondern als Tal, das bald enden muss. Ein Projekt, das schon viel Zeit gekostet hat, wird nicht gestoppt, weil doch schon so viel investiert wurde. Eine Strategie, die früher funktioniert hat, wird weitergetragen, weil sie einmal richtig war.
Das Problem ist nicht Erfahrung an sich. Erfahrung ist wertvoll. Das Problem entsteht, wenn Erfahrung nicht mehr geprüft wird.
„Der gefährlichste Denkfehler klingt oft nicht falsch. Er klingt vertraut."
Führung wird dann zur Fortschreibung der Vergangenheit. Nicht, weil jemand naiv ist. Sondern weil sich alte Muster sicherer anfühlen als neue Fragen.
Ein besonders hartnäckiger Denkfehler entsteht dort, wo bereits viel investiert wurde. Zeit. Geld. Aufmerksamkeit. Reputation. Je mehr davon in einem Vorhaben steckt, desto schwerer wird die nüchterne Entscheidung.
Dann lautet die Frage nicht mehr: Ist das noch sinnvoll?
Sondern: Können wir jetzt wirklich aufhören?
Das ist verständlich. Aber es ist keine gute Entscheidungsgrundlage. Vergangene Investitionen machen eine falsche Annahme nicht richtiger. Sie machen nur den Ausstieg unangenehmer.
Organisationen halten dann an Projekten, Konzepten oder Routinen fest, obwohl die eigentliche Grundlage längst brüchig geworden ist. Man arbeitet weiter, berichtet weiter, optimiert weiter. Von außen sieht das nach Aktivität aus. Innen entsteht häufig nur Scheinleistung.
Es passiert viel. Aber es verändert sich wenig.
Nicht jede Fortsetzung ist Konsequenz. Manchmal ist sie nur die Unfähigkeit, eine alte Annahme loszulassen.
Der Spielertrugschluss wirkt nicht nur bei Misserfolg. Er wirkt auch bei Erfolg.
Wenn etwas lange gut gegangen ist, entsteht schnell der Eindruck, dass es auch künftig trägt. Ein Team liefert seit Jahren. Ein Markt wächst. Ein Produkt verkauft sich. Ein Führungsstil funktioniert. Also wird das Muster fortgeschrieben.
Aber Erfolg ist kein Kredit, der automatisch weiterläuft. Er ist auch kein Beweis dafür, dass die zugrunde liegende Annahme heute noch stimmt.
Vielleicht hat der Markt sich verändert. Vielleicht tragen einzelne Personen mehr, als die Organisation wahrhaben will. Vielleicht war der Erfolg weniger Ergebnis einer starken Strategie als Ergebnis günstiger Umstände. Vielleicht hat das System funktioniert, obwohl es schlecht gebaut war.
Genau deshalb ist Führung nicht nur die Kunst, bei Problemen genauer hinzusehen. Gute Führung prüft auch den Erfolg.
Nicht misstrauisch. Aber wach.
Der Ausweg aus dem Spielertrugschluss beginnt nicht mit mehr Mut. Er beginnt mit besseren Fragen.
Nicht: Wann dreht sich das endlich?
Sondern: Warum glauben wir, dass es sich drehen müsste?
Nicht: Wie lange halten wir noch durch?
Sondern: Welche Annahme trägt diese Entscheidung?
Nicht: Hat das früher funktioniert?
Sondern: Gilt der Zusammenhang heute noch?
Diese Fragen sind unbequem, weil sie Hoffnung nicht sofort bestätigen. Sie unterbrechen den Automatismus. Sie zwingen dazu, zwischen Zufall, Erfahrung, Muster und Wunschdenken zu unterscheiden.
„Die richtige Frage lautet nicht: Wann passiert endlich das Richtige? Sondern: Habe ich überhaupt die richtige Annahme?"
Das klingt schlicht. In Organisationen ist es anspruchsvoll. Denn Annahmen sind selten nur sachlich. An ihnen hängen Entscheidungen, Rollen, Budgets, Zuständigkeiten und manchmal auch Eitelkeiten.
Trotzdem liegt genau dort der Unterschied zwischen Hoffen und Gestalten.
Organisationen werden nicht zukunftsfähig, indem sie jedes Muster fortschreiben. Sie werden zukunftsfähig, wenn sie erkennen, welche Muster tragen und welche nur vertraut wirken.
Das verlangt keine permanente Neuerfindung. Nicht jede bewährte Struktur ist falsch. Nicht jede Tradition ist ein Problem. Nicht jeder Rückschlag ist ein Signal für Kurswechsel.
Aber Führung muss unterscheiden können.
Zwischen einem Muster und einer Projektion. Zwischen Erfahrung und Gewohnheit. Zwischen Daten und Deutung. Zwischen einer tragfähigen Entscheidung und dem Wunsch, dass die nächste Runde endlich anders ausgeht.
Der Spielertrugschluss erinnert daran, dass Zukunft nicht entsteht, weil die Vergangenheit irgendwann ausgeglichen werden muss. Zukunft entsteht, wenn Menschen bereit sind, ihre Annahmen zu prüfen.
Morgen ist keine Variation von heute.
Und genau deshalb ist es manchmal die wichtigste Führungsaufgabe, nicht weiterzuspielen.
Oliver Straubel ist Geschäftsführer der Holism GmbH in Dortmund. Sein Hintergrund verbindet BWL, Anthropologie, Psychologie und Philosophie mit langjähriger Praxis in Veränderungsprozessen.
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